Schwarz-weiß Foto von Annemirl Bauer und ihrer Tochter

Träumen: Annemirl Bauer und Bärbel Bohley

Annemirl Bauer und Bärbel Bohlen

23. Sep.–8. Nov. 26

Eröffnung: 23 Sep 26, 18 Uhr

© Christian Borchert
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Mit Werken von Annemirl Bauer und Bärbel Bohley im Dialog mit Fotografien von Christian Borchert, Jürgen Graetz und Barbara Klemm

„Wenn ich jemandem gegönnt hätte, dass er noch erlebt, dass die Mauer offen ist, dann Annemirl. Weil die so reiselustig war […] Sie war wirklich ihr ganzes Leben lang so ein Vogel, der gegen den Käfig fliegt.“ Bärbel Bohley

Die Ausstellung „Träumen“ bringt das Beziehungsfeld zweier außergewöhnlicher Persönlichkeiten und politischer Stimmen zusammen: Annemirl Bauer und Bärbel Bohley. Beide verstanden sich als Künstlerinnen und politische Aktivistinnen. Sie widersetzten sich unbeirrt dem politischen Regime, das sie wiederholt bestrafte und degradierte. Beide waren Mütter und träumten von einem besseren Sozialismus. Christa Wolf fasste dies am 4. November 1989 in Worte: „Also träumen wir, mit hellwacher Vernunft.“

Ausgangspunkt für die ifa-Ausstellung „Träumen: Annemirl Bauer und Bärbel Bohley“ ist ein Porträt von Annemirl Bauer mit ihrer Tochter Amrei, das Christian Borchert 1975 in ihrem Atelier im Prenzlauer Berg fotografierte – ein berührendes Zeugnis der Verbindung Mutter, Tochter, Kunst. Die Mappe Borcherts aus dem Bestand des Zentrums für Kunstausstellungen der DDR (ZfK) ist eine ikonische Dokumentation der Künstler:innenszene der DDR und wirft Fragen nach Sichtbarkeit und Ausschluss auf: Wer wurde gefördert, wer ausgeschlossen? Das ZfK arbeitete eng mit dem Verband Bildender Künstler der DDR (VBK) zusammen. Der VBK war ein Organ, das die Wege der Künstler:innen maßgeblich bestimmte – Ausschluss kam faktisch einem Berufsverbot gleich.

Annemirl Bauers Kunst ist eng mit ihrer Biografie verbunden. 1939 in Jena geboren, begann sie früh eine Ausbildung zur Keramikerin und Spielzeuggestalterin. Wann immer es ihr möglich war, reiste sie – nach Frankreich, Bulgarien, Spanien und in die CSSR. Im Anschluss an ihre zweite Frankreichreise begann sie ihr Studium, das sie 1964 beendete. Als Absolventin der Kunsthochschule wurde sie automatisch Mitglied des Künstlerverbandes. Bauer entwickelte sich schnell zu einer kritischen Stimme gegen das dogmatische Kunstsystem der DDR. Als alleinerziehende Mutter lebte sie prekär und war Opfer sogenannter „Zersetzungsmaßnahmen“ der Stasi. Ihre Kunst verbindet farbigen, figurativen Realismus mit expressiven, unmittelbaren Zeichnungen; sie malte und zeichnete permanent, auf unterschiedlichsten Untergründen und porträtierte zahlreiche Kolleg:innen, darunter auch Bärbel Bohley. Diese verteidigte Bauer, als sie vom VBK ausgeschlossen werden sollte, und engagierte sich selbst im VBK.

Bauer protestierte wiederholt gegen Reisebeschränkungen und Wehrpflicht für Frauen. 1984 forderte sie die allgemeine Reisefreiheit, woraufhin sie mit einem Berufsverbot und Repressionen durch die Staatssicherheit sanktioniert wurde. Kurz vor dem Fall der Mauer 1989 erlag sie mit fünfzig Jahren einer Krebserkrankung. Bohley verabschiedete sich im selben Jahr von der Kunst. Auf die Bitte um eine Grafik reagierte sie mit der Aufschrift „Manchmal ist Kunst abwesend!“ – ihre letzte Geste als Künstlerin. Fortan war sie als Politikerin des Neuen Forums am sogenannten Runden Tisch aktiv, eine Rolle, die sie zumindest national bekannt machte. Die Idee, Menschen an einem Tisch zusammenzubringen, um Veränderung in Gang zu setzen, kann als ihr eigentliches Kunstwerk angesehen werden. Bohleys Werk umfasst Druckgrafiken, Zeichnungen und Malerei, die sich auf den Menschen konzentrieren – das Individuum als Teil der Gruppe oder von dieser isoliert. Damit stellt sie der kommunistischen Ideologie, die den einzelnen Menschen im Kollektiv aufgehen lässt, das Individuum entgegen.

Im Bestand des ZfK befindet sich kein Werk Bauers und nur wenige Arbeiten Bohleys; beide hatten nie eine Ausstellung in der Galerie im Turm. Diese wurde 1965 am Frankfurter Tor als Ausstellungsort des VBKD gegründet. „Träumen: Annemirl Bauer und Bärbel Bohley“ möchte diese Lücke schließen und eine Korrektur an jenem Ort, der diese beiden Künstlerinnen bewusst ausgeschlossen hat, vornehmen, und das widerständige Werk beider Künstlerinnen würdigen. 2010 wurde ein Platz nach Annemirl Bauer benannt; eine Würdigung von Bärbel Bohley als bildende Künstlerin steht weiterhin aus.

Das Gesamtprojekt Publik Machen des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen wird in Kooperation mit der Wüstenrot Stiftung realisiert.

Die fünfteilige Berliner Ausstellungsreihe Publik Machen des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen wird in Kooperation mit der Wüstenrot Stiftung sowie in Zusammenarbeit mit Schloss Biesdorf, dem Kunstverein Ost (KVOST), der Prater Galerie und der Galerie im Turm realisiert und durch den Hauptstadtkulturfonds gefördert.

Die gemeinsame Ausstellung Produktive Unruhe des Kunsthauses Dresden und des ifa – Institut für Auslandsbeziehungen wird in Kooperation mit der Wüstenrot Stiftung umgesetzt und durch den Kunstfonds Bonn, die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, die Stiftung Kunst und Musik sowie die Volker-Homann-Stiftung gefördert.

 

 

Mit seinem sechsteiligen Recherche- und Ausstellungsprojekt Publik Machen: Zu Arbeit und Wirken des Zentrums für Kunstausstellungen der DDR widmet sich das ifa – Institut für Auslandsbeziehungen in Kooperation mit der Wüstenrot Stiftung sowie in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Dresden und fünf Berliner Institutionen der Arbeit und dem Wirken des Zentrums für Kunstausstellungen der DDR (ZfK). Die bislang wenig erforschte Institution nimmt einen besonderen Platz in der Kunstwelt der DDR ein: Zum einen war es dem Ministerium für Kultur unterstellt und entwickelte sein Programm entlang der offiziellen kulturpolitischen Agenda. Zum anderen sollte es das Ansehen der DDR im Ausland steigern und den Kulturaustausch weltweit befördern.

Der liberale Geist einer neuen kulturpolitischen Weite und Vielfalt war der 1973 gegründeten Institution besonders eingeschrieben und spiegelt sich auch im Sammlungsbestand des ZfK wider, dessen grafisches Konvolut 1991 an das ifa überging. Das seit über dreißig Jahren wenig beachtete Sammlungskonvolut des ZfK bildet den Kern für die im Folgenden vorgestellten sechs Ausstellungsprojekte. Die Werke stammen entweder aus Mappen des Verbands Bildender Künstler der DDR (VBK) oder wurden gezielt für Ausstellungen erworben. In diesem Sinne war das ZfK Förderer und Gatekeeper zugleich: Es präsentierte internationale Kunst innerhalb der DDR, vor allem jedoch Kunst aus der DDR im Ausland. Es ermöglichte Künstler:innen Reisen zu kulturpolitisch relevanten Zielen und spielte die Ergebnisse durch Ausstellungen wieder zurück.

Das ifa erforscht seit 2023 in Kooperation mit der Wüstenrot Stiftung die Geschichte und die Arbeit des ZfK. Auf Einladung der künstlerischen Leitung Susanne Weiß (ifa) entstand Anfang 2024 eine Arbeitsgruppe mit den Künstler:innen Anna Bromley, David Polzin und Suse Weber, den Kurator:innen Thibaut de Ruyter und Sandra Teitge sowie der Filmemacherin Sylvie Kürsten, die den Bestand und die Geschichte des ZfK zu untersuchen begannen. Die laufenden Recherchen im Bundesarchiv und in der Akademie der Künste, die Gespräche mit Zeitzeug:innen sowie die daraus entstehenden künstlerischen Forschungsprojekte bilden die Grundlage der ifa-Ausstellungsreihe Publik Machen. Die künstlerischen Rechercheprojekte von Anna Bromley, David Polzin und Suse Weber stellen dabei die historische Kunstproduktion in den Kontext ihrer Zeit und bereiten zusätzliche Archivalien auf, die unser heutiges Verständnis erweitern und Fragen an das Verhältnis zwischen Kunst und Staat ermöglichen.

Den zweiten wichtigen Fokus bilden die künstlerischen Positionen aus den historischen Sammlungsbeständen des ZfK und des ifa von u. a. HAP Grieshaber, Elizabeth Shaw, Charlotte Elfriede Pauly, Erika Stürmer-Alex und Karla Woisnitza. Aber auch einzelne Ausstellungen des ZfK entwickelten sich zu Referenzpunkten für die Ausstellungsreihe. So bezieht sich Thibaut de Ruyter mit „Coda: Wiederaufführung einer Ausstellung“ auf die ZfK-Tourneeausstellung „Musik in der bildenden Kunst der DDR“, die von 1983 bis 1986 u. a. von Paris nach Wien und Bukarest sowie nach Duisburg tourte.

Annemirl Bauer Schwarz-Weiß-Fotografie, Originalabzug auf Fotopapier, 1975 Aus dem Bestand des ZfK / ifa-Kunstsammlung Foto: Bernd Borchardt © Christian Borchert

Team

Kuration: Sandra Teitge und Susanne Weiß (ifa)

Produktion: Carolina Redondo

 

Mit Unterstützung von Carlotta Gonindard Liebe, Leitung der Galerie im Turm

Publik Machen: Zu Arbeit und Wirken des Zentrums für Kunstausstellungen der DDR. Eine Ausstellung des ifa in Kooperation mit der Wüstenrot Stiftung. Die Ausstellungsreihe in Berlin wird vom Hauptstadtkulturfonds (HKF) gefördert.